Damenwahl

Schreibwettbwerb der Ruhrfestspiele und der NLGR 2015
Die ausgewählten Texte wurden von den Autorinnen und Autoren am 7.6.2015 vorgetragen.
Alle Reche liegen bei den jeweiligen Autoren.

Brigitte Vollenberg
Aufforderung zum Tanz

„Jetzt sind wir eine Spur zu früh", sagte Anna. Ich sah auf die Uhr.
„Besser etwas eher als zu spät", antwortete ich.
„Wenn das mal kein Fehler war", spekulierte sie.
„Seit wann ist es ein Fehler pünktlich zu sein?", fragte ich.
„Komm, steh unauffällig auf, schiebe den Stuhl an den Tisch und folge mir", sagte sie.
„Ich spendiere Dir ein Gläschen Sekt", lockte sie mich.
Leise Musik begrüßte uns in der Bar. Der Barkeeper, Herr über exotische CocktailKreationen,
nickte uns freundlich zu.
„Los, sag schon", forderte ich sie auf. "Warum ist es ein Fehler pünktlich zu sein und einen
guten Platz zu bekommen?"
„Wenn wir etwas später eintreffen, sitzen die meisten Gäste bereits. Wir entscheiden dann, in welcher Gesellschaft wir den heutigen Silvesterabend verbringen wollen. Könntest Du „nein" sagen, wenn jemand dich fragen würde, ob er sich zu uns an den Tisch mit 6 leeren Stühlen setzten darf, auch wenn er dir total unsympathisch ist? Ich will Silvester, den Höhepunkt des Jahres, in angenehmer Gesellschaft verbringen. Du etwa nicht?"
Die Sektflöten mit dem prickelnden Getränke standen auf der blank polierten schwarzen Theke.
„Auf uns und unsere Familien", sagte Anna, hob das Glas und prostete mir zu. Jan, der Barkeeper lächelte.
Ich fühlte mich genötigt etwas zu sagen.
„Wir sind hier, weil wir unseren Kindern nicht das Gefühl geben wollten, sich um uns kümmern zu müssen", sagte ich. „Außerdem wollen wir uns nicht ein speziell für alte Menschen konzipiertes Silvesterfernsehprogramm servieren lassen. Das ist nichts für uns, nicht wahr meine Liebe", fuhr Anna fort und hob ihr Glas.
„Sie machen das richtig", bestätigte Jan. „Sich an den gedeckten Tisch setzten, sich verwöhnen lassen und das fantastische Programm und später den Tanz genießen. Gut gewählt, meine Damen", sagte er.
Anna quittierte die Getränke, rutschte von ihrem Barhocker wieder herunter, richtete ihre Kleidung und forderte mich auf, ihr in den Festsaal zu folgen.
„Hab ich Dir zu viel versprochen?", fragte sie mich. „Ist das nicht ein herrliches Ambiente in diesem Hotel?" Sie schaute in die Runde und seufzte zufrieden. Die großen Deckenleuchter hüllten den Saal in ein angenehmes Licht und die Vielzahl flackernder Kerzen spiegelten sich in den kristallenen Lüstern. In Bühnennähe stand ein schwarzer Flügel, dem ein Pianist stimmungsvolle Melodien entlockte. Langsam füllte sich der Raum mit festlich gekleideten Gästen. Kein Mann ohne Anzug, teilweise mit Smoking. Der Damenüberschuss allerdings verlieh der Gesellschaft ein farbiges Aussehen. Viele Damen hatten in die Schmuckschatulle gegriffen und sich mit glitzernden Kostbarkeiten dekoriert.
Ein livrierter Kellner geleitete uns an den Tisch unserer Wahl. Es saßen dort bereits drei Personen, zwei Damen, die eine elegante männliche Erscheinung einrahmten. Wir stellten uns vor höflich vor und nahmen Platz. Ich saß jetzt direkt gegenüber dem Herrn.
"Welche der beiden Damen ist wohl seine Begleitung?" flüsterte ich Anna zu. Anna zuckte nur mit den Schultern. Ich bemerkte schnell, dass beide um die Gunst des Herrn buhlten.
Mein Visasvis hatte silbergraues perfekt geschnittenes Haar und trug eine modische Brille. Der nachtblaue Smoking erstklassig. Ob die Fliege handgebunden war? Quer über den Tisch konnte ich es nicht feststellen.
Der Kellner brachte den Rotwein, goss ein Schlückchen in mein Glas, ließ mich kosten. Erst nachdem ich unmerklich genickt hatte, füllte er mein Rotweinglas zu einem Drittel. Ich hob mein Glas, erfreute mich an der dunkelroten Farbe des Weines. Mein Gegenüber schien zu glauben, ich würde ihm zuprosten. Er erhob sein Glas und nickte zustimmend zu mir herüber.
Meine Freundin sah mich an: „Auf einen schönen, unterhaltsamen Silvesterabend", sagte sie. Unsere Gläser berührten sich leicht und ein zartes „Pling" erklang. Der Herr von gegenüber beobachtete uns. Die beiden Damen, rechts und links von ihm, versuchten, ohne Unterlass seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber es schien, er gab ihnen nur knappe und kurze Antworten. Die Geräuschkulisse war laut, eine Unterhaltung mit meinem Gegenüber kaum möglich. Meine Freundin schien jetzt bemerkt zu haben, dass das Interesse des Herrn auf unserer Seite 13g. Sie schubste mich leicht an. „Beobachtet er jetzt Dich oder mich?"
„Also mich nicht", antwortete ich mit einem leicht entrüsteten Unterton in der Stimme. "Ich will auch gar nicht, dass er mich beobachtet."
„Ich glaube, er flirtet mit Dir", sagte sie.
„Was?", fragte ich etwas zu laut und alle starrten mich an. „Das ist ja schrecklich", flüsterte ich. Ich will keinen Flirt mit einem achtzigjährigen alten Herrn." Meine gute Laune kippte. Die Vorspeise wurde serviert.
„Eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses", sagte der Kellner und stellte einen Teller vor mich hin. Darauf lag ein Stück Pastete, mit Rucola und geviertelten Cherrytomaten garniert. Das frische Baguette war warm und duftete herrlich.
„Das sieht ja schon mal lecker aus", sagte Anna, die den ganzen Tag über nur sparsam gegessen hatte, weil sie sich auf das Festmenü freute. „Guten Appetit allerseits", sagte sie in die Runde. Ich erhob mein Weinglas, nippte daran, bevor ich zum Besteck griff.
„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Appetit", sagte der Herr laut und wie es aussah nur zu mir.
„Das kann ja heiter werden", flüsterte ich Anna zu. "Wir sitzen hier an einem Flirt-Tisch.
Ich kostete einen Bissen Weißbrot mit Pastete und traute mich kaum aufzusehen, weil ich die Blick meines Gegenüber scheute. Anna verdrehte verzückt die Augen. „Ein Gaumenschmaus" , hauchte sie.
„Der Kerl geht mir auf den Geist", erwiderte ich.
Anna riss ihre Augen auf und fragte eine Spur zu laut: "Welcher Kerl? Meinst Du den Hahn im Korb an unserem Tisch?"
„Anna, nicht so laut", ermahnte ich sie mit gedämpfter Stimme.
„So viele Damen an einem Tisch und ein einziger Mann. Er ist der Hahn im Korb. Was glaubst du, wer heute das Rennen macht?" Dann lachte sie laut und aufreizend. Man hätte meinen können, ich hätte ihr gerade einen guten Witz erzählt.
„Anna, benimm dich nicht so auffällig, ober möchtest Du es sein, mit der er später das Tanzbein schwingt."
„Keine Sorge", sagte sie. "Du weißt, was ich vom Tanzen halte. Sollte er mich auffordern, werde ich ihm einen Korb geben."
„Ich tanze ebenfalls nicht. Niemals," sagte ich, in der Hoffnung, mein Gegenüber würde es mitbekommen.
Der Herr versuchte gerade ein Tomatenschiffchen aufzuspießen und hatte offensichtlich gute Ohren, denn er antwortete quer über den Tisch: „Tanzen ist meine Leidenschaft. Tanzen war mein Leben." Unsere Blicke trafen sich. Aber nicht meine, dachte ich. Mit mir wirst du ganz sicher heute Abend nicht tanzen und deiner Leidenschaft frönen.
„Tanzgeil", sagte Anna spöttisch. „Wetten, dass er heute versucht unseren ganzen Tisch zu betanzen?" und sie kicherte leise.
„Schon möglich", sagte ich. "Aber mich nicht. Das steht fest. Und wenn das hier so weitergeht, werde ich gleich nach dem Essen in mein Zimmer gehen, bestelle mir eine Flasche Sekt und werde auf Altbewährtes zurückgreifen und mir vom Bett aus, das Silvestersenioren Fernsehprogramm ansehen. Auf diese Blicke und das Geflirte habe ich keine Lust. Diese Zeiten sind für mich ein für alle Mal vorbei. Schau mal, wie die beiden alten Schachteln ihn anhimmeln. Sie werden schon dafür sorgen, dass er nur mit ihnen tanzen wird. Hoffentlich ist den ganzen Abend Damenwahl bei dem Damenüberschuss."
„Glaub ich nicht", sagte Anna. "Wie es aussieht, hat er nur Augen für Dich."
„Du spinnst", sagte ich. „Sobald später die Tanzfläche freigegeben ist, verschwinde ich."
„Und übrigens, Deine gute Idee, sich auszusuchen, in welcher Gesellschaft wir den Abend verbringen, ist gehörig daneben gegangen."
Bevor das Silvesterunterhaltungsprogramm gestartet wurde, stand ich auf und ging auf die Toilette. Ich vermied es an seinem Platz vorbeizugehen und wählte einen Umweg. Seine Blicke verfolgten mich. Ich spürte sie im Rücken. Wir hatten uns diesen Tisch ausgesucht, selbst gewählt. Wäre uns der schneidige elegante Herr unsympathisch gewesen, hätten wir uns bestimmt woanders hingesetzt. Eigentlich hatte Anna entschieden. Jetzt mutierte der alte Herr durch sein Flirtverhalten zu einem alten Knacker. Sollte er es wagen mich zum Tanzen aufzufordern, würde ich sofort diese Feier verlassen. Ich betrachtete mich auf der Damentoilette im Spiegel. Das tolle Bild einer alten Dame sah mich an. Selbstverliebt zwinkerte ich mir ein Auge zu. Ich verstand es, mich dezent aber effektvoll zu schminken und meine natürliche Schönheit zu unterstreichen. Ich sah gut aus, ohne Frage. Aber warum stylte ich mich so? Wollte ich gefallen? Wem gefallen? Nein, dachte ich. Es ist keine Absicht im Spiel, auf Männer einen guten Eindruck zu machen. Ich war es mir selbst schuldig, mich so zu geben, zu kleiden und zu schminken, wie ich es viele Jahre getan hatte. Ich tat es nur für mich. Und, dass ich mit meinen 80 Jahren noch auf Partnersuche war, war so weit von mir entfernt, wie die Sonne vom Mond Aber wie es schien, machte ich Eindruck auf den alten Gigolo an unserem Tisch. Ich trug meinen Lippenstift neu auf und ging wieder in den Saal zurück. Der Herr in seinem nachtblauen Smoking und seinem perfekten Aussehen erblickte mich. Seine Augen bewegten sich hektisch. Er schaute zum Kellner, dann wieder zu mir. Mit einer Handbewegung bat er den Kellner an unseren Tisch.
„Komm, setzt Dich!", rief Anna und zupfte an meiner Jacke. „Das Programm fängt gleich an."
Der Kellner überreichte unserem Tischnachbarn zwei metallene Gegenstände. Bevor ich richtig realisierte, was das für Objekte waren, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Jetzt starrte ich auf den potenziellen Tänzer an unserem Tisch. Er stützte sich mühevoll auf die Tischplatte auf, stemmte sich hoch. Der Kellner war ihm behilflich. Ich vernahm ein leichtes Stöhnen und Schnaufen. Sein Oberkörper war nach vorne gebeugt. Jetzt hob er den Kopf und sah zu mir herüber. In seinem Blick lag Verzweiflung. Ich hielt für einen kurzen Moment die Luft an, spürte, wie mir die Schamröte ins Gesicht stieg. Anna zog mich erneut am Ärmel und forderte mich auf mich endlich hinzusetzen. Ein flaues Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus und ich spürte, wie meine Augen leicht feucht wurden. Der tanzbegeisterte Herr, der flirtende Charmeur trug eine nachtblaue Smoking-Hose. Die Bügelfalte war scharf und akkurat. Das linke Hosenbein um zwei Drittel kürzer als das Rechte. Ich starrte auf die Amputation, unfähig mich zu bewegen.
Meine einzige Rettung wäre jetzt, wenn sich der glänzende Parkettboden auftun würde und ich in dem Krater würde verschwinden können. Ich schämte mich unsäglich.