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„Erzählen Sie das mal Ihrem Frisör!“

Ein Kabinettstück des Fringe-Programms

Am Montagabend, 02.06.2014, konnten etwa 80 Zuschauer im Friseursalon "mod's hair" am Kurfürstenwall ein besonderes Erlebnis goutieren: in zwei Vorstellungen präsentierten 17 Autoren Geschichten zum Thema "Erzählen Sie das mal Ihrem Frisör!" Die Ruhrfestspiele hatten in Kooperation mit der Neuen Literarischen Gesellschaft Recklinghausen im Rahmen des Fringe-Programms einen Schreibwettbewerb ausgeschrieben und Autorinnen und Autoren aufgerufen, sich vom Friseursalon" zum Schreiben inspirieren zu lassen – und am Montagabend wurden die Ergebnisse präsentiert; das Publikum war hellauf begeistert.

Zu Beginn begrüßten Alois Banneyer (Theaterpädagoge der Ruhrfestspiele) und Stephan Schröder (Stellvertretender Vorsitzender der NLGR) das Publikum und die Autoren; sie verdeutlichten, dass das Ergebnis der Ausschreibung geradezu überwältigend gewesen ist: 60 Beiträge liefen ein, und die Jury – bestehend aus Alois Banneyer, Stephan Schröder, Natascha Eschweiler (Trägerin der Vestischen Literatur-Eule und weiterer Preise) und Dieter Menne (NLGR) – musste auswählen und konnte in Anbetracht der großen Zahl von wirklich überzeugenden Einsendungen zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen veranstalten.

In der ersten Vorstellung war das Spektrum der Interpretationen der Alltagssituation "Beim Friseur" ganz enorm: In der Eröffnungsgeschichte von Ursula Krehut und Renate Herrmann mit dem Titel "Beharrlich" versuchen zwei erfahrene ältere Damen, den Besuch bei ihrem Friseur im munteren Gespräch für die Verbreitung delikater Informationen und als Test für den Erfolg zu benutzen, scheitern aber an der Diskretion des Friseurs. Eine weitere Geschichte zeigt, wie der Besuch beim Friseur nach einem perfekt getarnten Mord zur Eröffnung eines neuen von gestärktem Selbstbewusstsein geprägten Lebensabschnittes genutzt wird (Agnes Stadtmann: Ein neues Leben). Und so ging es munter weiter: Eine alte Dame lässt sich vom Friseur für ein Speed-Dating aufbrezeln und lernt im Gespräch mit einer weiteren Kundin des Friseurs  – die sich schließlich als Krebspatientin vor der Chemotherapie entpuppt – dass es im Leben darauf ankommt, die Lebenszeit entschlossen zu nutzen (Mirjam Phillips: Schnittpunkt). Barbara Nobis erzählt in ihrer Geschichte mit dem Titel "Karriereberatung für Mütter" voller Ironie und Sarkasmus, welche Fallen in der Berufswelt aufgestellt sind, die Frauen mit Kindern daran hindern, ihre eigenen Lebenschancen zu realisieren; Uli Dittmar demonstriert an einem Telefonprotokoll, das die NSA an das BKA übersendet, wie ein harmloses Kundengespräch als Verschwörung zur Beseitigung eines Menschen aufgefasst werden kann. Franziska Schubert zeigt in einer Geschichte, wie sich eine angehende Friseurin in einer emotional ergreifenden beruflichen Herausforderung unter dem immer lauter werdenden Gesang des „Highway to Hell“ der australischen Hard-Rock-Band  AC/DC  mit einer an Krebs erkrankten Kundin solidarisiert.

Gerd Heiming erzählt eine mörderische Geschichte (Première) und lässt einen Friseur, der sich auf eine einen Mord simulierende Theaterprobe mit einem Schauspieler einlässt, durch ein Missverständnis zu Tode kommen. Schließlich zählte Andres Reblin in seinem Text „Todschicker Haarschnitt“  alle die Instrumente auf, die ein Friseur verwendet, um alle seine Kunden professionell zu bedienen, und verdeutlichte auf absurde Weise, in welch gefährliche Lebenssituationen Kunden sich begeben, wenn sie einen Friseursalon aufsuchen.
Alle diese Geschichten zeichneten sich durch einen gekonnten Aufbau, eine Klimax, verblüffende Schlusspointen und die routinierte Verwendung künstlerischer Mittel aus, aber das Entscheidende an diesem Abend war, dass alle Autorinnen und Autoren ihre Texte sehr gut artikuliert, szenisch situationsorientiert, mimisch und gestisch wirkungsvoll begleitet vortrugen: – in einem Wort: eine tolle Inszenierung. 

Dies gilt in gleicher Weise für die zweite Vorstellung: Brigitte Vollenberg lässt „Frau Gerda Müller… zum Friseur“ gehen und verdeutlicht die wachsende Lebensfreude einer älteren Frau unter der professionellen Hand des Friseurs Luigi und zeigt, wie das durch die neue Frisur gewachsene Selbstbewusstsein selbst Gehässigkeiten einer neidischen Nachbarin abperlen lässt. In einer Geschichte von Martina Bialas lässt eine Ich-Erzählerin in einem raffinierten gestalteten Rückblick auf einen Besuch bei ihrem Friseur das Frisierritual über sich ergehen, verliert eigentlich gegen  ihren Willen ihren Pony und reflektiert ihre Gefühle in einem inneren Monolog; bei ihrem Vortrag konnte Martina Bialas ganz präzise die verschiedenen Ebenen des erzählerischen Rückblicks, dialogische Stellen und den inneren Monolog realisieren.

Ludger Haumann lässt einen Ich-Erzähler die Behandlung durch seine Friseurin erleben, von der er annimmt, dass sie ihn vollkommen durchschaut, alles von ihm, jede Regung seines Gesichts, jede Geste scharfsinnig deutet, so dass er ihr vollständig ausgeliefert zu sein scheint (Doris). In ähnlicher Weise stellt Uta Siemer (Detlef und ich) eine Ich-Erzählerin vor, die ihrem Friseur unterworfen zu sein scheint, seinem Redeschwall, seinen Belehrungen, seinen Gestaltungsvorschlägen, seinen Erinnerungen an seine Kindheit geradezu  schicksalsergeben zuhört, zwischendurch die Situation reflektiert und am Ende merkt, dass er diese beherrschende Verhaltensweise geradezu ritualisiert bei jeder Kundin anwendet.

Claudia Kociucki und Michael Kaelo Janßen (Sehr gerne) konstruierten eine Situation, in der eine Kundin einen Friseur dazu bringt, in einer längeren Sitzung eine Frisur nach der anderen an ihr auszuprobieren und anzupreisen, bis sie schließlich eine Kopfrasur verlangt mit der Begründung, dass sie damit nur vorwegnehme, was ihr sowieso in ein paar Wochen passieren würde; der Friseur versucht  während seiner Arbeit, aus jeder verlangten Frisur Schlussfolgerungen auf das Leben der Kundin zu ziehen und denkt im Stillen über seine Kundin als potentielle Sexualpartnerin nach. Diese strukturell raffinierte Szene inszenierte Claudia Kociucki zusammen mit ihrem Kollegen, der den Friseur geradezu hinreißend spielte. Reinildis Hartmann ließ eine Ich-Erzählerin zum Besuch der Ruhrfestspiele in Recklinghausen ankommen und bei der Suche nach einem Friseursalon die Namen der Salons systematisch wahrnehmen, um dabei das “Denglisch“ spöttisch aufs Korn zu nehmen.

Bei Andrea Rohmert (Rapunzelös) erlebt eine ältere Frau die Behandlung durch ihren Friseur als ein Ritual, dass sie durchstehen muss; während der Behandlungsschritte reflektiert sie in einem inneren Monolog assoziativ die einzelnen Maßnahmen, bezieht sie auf ihre eigene Lebenssituation und entdeckt dabei Absurditäten des Alltags. In der Geschichte „Haarausfall“ von Gudrun Güth erlebt eine Ich-Erzählerin beim Friseurbesuch den Friseur als Experten, der seine eigenen Vorstellungen von der Gestaltung ihrer Frisur rhetorisch überwältigend durchsetzt und zugleich sein eigenes Selbstbewusstsein zur Schau trägt, bis die Erzählerin  – emotional gedemütigt erscheinend – entdeckt, dass ihr Friseur sich selbstgefällig im Spiegel betrachtet und eine Perücke trägt, aber ihr spontanes Triumphgefühl wird sofort durch die Information demontiert, dass ihr Friseur chemotherapeutisch behandelt wird.

Schließlich las Mathis J. Gronau seine Geschichte mit dem Titel „Lebenswandel“ vor: ein vielbeschäftigter Jungmanager, der vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, mit seinen weltweiten Verbindungen angibt, sich über den Friseur erhaben dünkt, erlebt – geschockt durch eine telefonisch durchgegebene Information – einen Lernprozess, indem er sich an seine Jugendträume erinnert und plötzlich spontan beschließt, diesen jugendlichen Träumen nachzugehen, ohne allerdings von seinen konsumorientierten Vorstellungen Abstand zu nehmen.

Der Beifall des Publikums zeigte die Begeisterung der Zuhörer bzw. Zuschauer über die gekonnten Inszenierungen; es waren eben nicht nur gut geschriebene  Geschichten, sondern auch wirkungsvoll inszenierte Vorträge der Autorinnen und Autoren – was ja nicht so selbstverständlich ist. Alois Alois BanneyerBanneyer, der die beiden Vorstellungen gelassen und unprätentiös geleitet hatte, dankte den Autorinnen und Autoren für die gelungenen Texte, die unterhaltsame und spannende Präsentation und auch für ihr Kommen  -  einige der Mitwirkenden waren eigens z. B. aus Bremen angereist, um ihre Beiträge vorzustellen.

Er dankte vor allem auch Andreas Reetz, dem Firmenchef, der den Salon „mod’s hair“ als Veranstaltungsort zur Verfügung gestellt hatte, und beendete einen schönen Abend mit zwei Vorstellungen im Rahmen des Fringe-Programmes, die man ohne jede Einschränkung als Kabinettstückchen bezeichnen kann. Die ausgewählten Geschichten werden in absehbarer Zeit auf der Homepage der Ruhrfestspiele zu lesen sein, wie Banneyer versicherte.

(Dieter Menne)

Foto: Dieter Menne

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