zur Startseite

 

Intern

Presse

 

 

"...ein egozentrischer Akt widerwärtiger Völlerei!"

Eva Weissweiller stellt Wilhelm Busch-Biographie vor

Am Montag, dem 22.09.2008, gastierte die bekannte Musikwissenschaftlerin, Autorin und Biographin Eva Weissweiller aus Köln auf Einladung von Stadtbibliothek und Neuer Literarischer Gesellschaft im Rahmen der "Lesebühne" in Recklinghausen und las in der Stadtbibliothek aus ihrer neuesten Biographie "Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist."

Ein Höhepunkt ihrer Ausführungen war natürlich die Entstehungsgeschichte und Deutung der berühmten Bildergeschichte von "Max und Moritz", mit der viele Generationen sozialisiert worden sind, ohne sich viele Gedanken über die historischen Umstände ihrer Entstehung zu machen.
Busch, geboren 1832, lebte um 1865 im Örtchen Wiedensahl im Umkreis des Klosters Loccum im Hannoverschen in den letzten Tagen des Königs Georg V., der sich wenig um seine verarmten Untertanen scherte. Busch porträtierte in der Witwe Bolte eine wahrhafte Nachbarin, eine "...einsame Frau, die keine Freunde, Kinder oder Enkel hat, sondern nur für ihren Spitz und ihre Hühner lebt." Hühnerdiebstahl nach der Max- und Moritzschen Methode durch verarmte "Zigeuner"-Kinder war damals durchaus üblich. Dass die Witwe den Tod der Hühner schnell verwindet und mit dem Gelage von gleich allen vieren krönen will, war für Busch die gerechte Strafe wert, dass Max und Moritz sich mit dem Verzehr des Bratens im Voraus für Tage sättigen können.

Weissweiller führte weiter aus, dass auch der Schneider nicht als die Spottfigur dargestellt wurde, als die er damals weithin galt, sondern eher als ein sympathischer Gelehrter. Die Gestalt des Lehrer Lämpel soll eher auf die miserable Situation und Vergütung der Dorfschullehrer und der Schule überhaupt aufmerksam machen als als ihn zu karikieren.
Der Bauer Mecke allerdings und der dicke Müller sind die Gewinner der Dorfgemeinschaften und exekutieren grausam die Todesstrafe an den bösen Buben. Allerdings dokumentieren sie ihre Unsterblichkeit, indem sie sich noch als "appetitliche, saubere Taler" zu den Konturen der beiden Helden zusammenfügen.

Busch selbst hat, so stellte Weissweiler dar, als Maler trotz seiner Freundschaft mit Wilhelm Lenbach keinen Erfolg gehabt; seine Bilder waren unter anderem zu kleinformatig und zu wenig haltbar. Dafür wurden seine Bildergeschichten wie "Max und Moritz" und "Die fromme Helene" eifrig publiziert. Immer auf der sehnsuchtvollen Suche nach einer Lebensgefährtin und Freundin hatte er in Johanna Kessler ein Vorbild gefunden; es war aber nie zu einer Heirat gekommen. Als über 70Jähriger gefiel er sich eher in der Rolle des Großvater-Freundes. In den letzten Jahren seines Lebens war er trotz allem vereinsamt und starb am 9. Januar 1908. Er war ein ernster und selten glücklicher Beobachter seiner Gesellschaft, die er auf heitere Weise darstelle, die aber eine sozialkritische Intention hatte.

Frau Weissweiller, die bereits 1990 eine viel beachtete Biographie über Clara Schumann herausgebracht hatte, stand am Ende der Lesung noch für Fragen und eine Signierstunde zur Verfügung.

Eva Weissweiller: Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist. Eine Biographie. Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Stephan Schröder, Neue Literarische Gesellschaft

zurück zur Übersicht der Presseberichte